Die ehemalige Schule

 

 

Eines der markantesten und interessantesten Wahrzeichen unseres Ortes ist zweifelsohne das ehemalige Schulgebäude, welches eine recht wechselvolle Geschichte zu bieten hat.

Bevor das Gebäude errichtet wurde, gab es um seine Bewilligung und den Bau zunächst viel Diskussion und es störte bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Befindlichkeiten der Thurmer Lehrer und die der zuständigen Schulbehörde.

Da die Kinder um 1870/71 zum Schulberzirk des Nachbarortes Thurm gehörten, wurde der Ruf nach einer eigenen Schule laut.

Ein Grund war bespielsweise der lange Schulweg. In Thurm jedoch stiess das Vorhaben der Stangendorfer, wie schon gesagt, auf Ablehnung und Skepsis. Ganz einfach deswegen, weil man wegen einer Verkleinerung des Schulbezirkes um gehaltliche Minderungen fürchtete.

In Thurm plante man damals bereits einen Schulneubau, der 1881 beendet wurde. Und man höre und staune: Stangendorf hatte dessen Kosten mit anteilig zu tilgen. Das war Pflicht!

Damit war das Vorhaben der Stangendorfer Gemeindeväter auf Jahrzehnte, so glaubte man, vorerst erledigt.

 

Geringe Aussichten zur Verwirklichung der eigenen Wünsche zeigten sich aber schon Anfang des 20. Jahrhunderts.

Und da half der Zufall ein wenig mit: In der damaligen Thurmer Schulsparkasse wurden Unterschlagungen aufgedeckt. Der damalige Schulleiter Koch und sein Kollege Lehrer Seifert hatten sich an den Spargeldern der Schüler vergriffen. Der Schaden belief sich auf 10.000 Mark und die Strafe folgte auf dem Fuss: Haft und Ausschluss aus dem Schuldienst.

Ein generelles Verheimlichen der Tatumstände war zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr möglich, da die sich weiter entwickelnde Arbeiterbewegung einen bestimmten Einfluss auf die Entwicklung der Dinge im Ort hatte.

Stangendorf sollte anteilmässig die Summe ersetzen - die Gemeinde aber weigerte sich jedoch und benutzte diesen Tatbestand, um am 9. November 1909 das erste Ausschulungsgesuch an die Königliche Bezirkschulinspektion zu richten.

 

Da die vorgesetzten Behörden auf Grund der gesellschaftlichen Umwälzungen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gezwungen waren ihre Zustimmung zu geben, konnte sich auch Thurm nicht mehr dagegen verwahren.

Einzig die Versuchung, den Termin der Ausschulung so weit wie möglich hinaus zu zögern, brachte noch einmal Spannung.

Schliesslich einigte man sich auf Ostern 1912.

 

Das ehem. Schulgebäude heute


Zwei Jahre vorher kaufte die Gemeinde von Bauer Rudolf Tröger das ausgesuchte Gelände. Mit der Aufnahme eines&xnbsp; Darlehen bei der Landesversicherungsanstalt sollten die damals notwendigen Mittel beschafft werden.

Die Architekten Zapp und Basarke aus Chemnitz fertigten eine Zeichnung an, welche die einstimmige Anerkennung aller Beteiligten fand.

Den Auftrag zum Mauern erhielt das Baugeschäft Max Göbel in Stangendorf.

Am 18. Juli 1911 war dann die feierliche Grundsteinlegung. Ein Schulvorstand, bestehend aus sechs Mitgliedern, wurde am 23. November 1911 gewählt.

Der Thurmer Lehrer Kühn wurde als zukünftiger leitender Lehrer gewählt und als Hausmeister Albin Hallbauer eingestellt.

Im Jahr darauf, am 16. April 1912, fand dann die Einweihung statt.

 

Die Stangendorfer Kinder wurden nach ihrem Abschied aus Thurm von den Lehrern begleitet und an der Ortsgrenze in Stangendorf begeistert und feierlich empfangen. Eine Festveranstaltung schloss sich an.

Dieser Dienstag war ein wichtiger Tag, ein überaus wichtiges Ereignis im Leben unseres kleinen Ortes, der damals etwa 600 Einwohner zählte und nun eine eigene Schule besass.

 

Viele Einwohner hatten wohl mit einer ruhigen Entwicklung im Schulwesen gerechnet und wurden bald enttäuscht.

Der deutsche Militarismus mit seinem Vormachtsstreben in der Welt stand 1914 mit dem Ersten Weltkrieg vor der Tür.

Lehrer Berger wurde Soldat, Lehrer Kühn verliess 1915 Stangendorf, die Lehrkräfte kamen und gingen ständig.

1916 übenrahm Lehrer Zscherp die Leitung der Schule. Die Kürzung von Unterrichtsstunden und die Einführung des Kriegsstundenplanes folgten.

Und es wurden weitere Männer eingezogen. An ihrer Stelle traten Frauen und die Kinder selbst.

Durch die Kreigswirren kam es immer mehr und mehr zu Unterrichtsausfall und schliesslich hinderte eine Grippeepidemie die Kinder daran, die Schule zu besuchen.

Von 1919 bis 1928 übernahm der Lehrer Kirbach die Leitung der Schule, von 1928 bis 1945 war es dann der Lehrer Johannes Scholz.

 

Mit dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen am 13. April 1945 wurde dann der Schulbetrieb endgültig eingestellt.

Bereits im Oktober des selben Jahres nahm man den Unterricht wieder auf. Durch Umbauten wurde ein drittes Klassenzimmer geschaffen.

Im Verlaufe der seit 1945 eingeleiteten Massnahmen zur Überwindung der Rückständigkeit des Landesschulwesens und der Beseitigung der einstufigen Klassen wurden Zentralschulen geschaffen.

In diesem Zusammenhang wurde in Stangendorf 1950 zum letzten Mal ein 8. Schuljahr entlassen. Ein Jahr später wurde das 7. und 8. Schuljahr an die beiden Nachbarorte überwiesen, worauf 1952 auch das 5. und 6. Schuljahr folgten. So verblieben lediglich noch die Jahrgänge 1 bis 4.

 

Durch die Verordnung über die Beschulung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit wesentlichen physischen und psysischen Mängeln aus dem Jahre 1951 und der Anordnung über den organisatorischen Aufbau des Sonderschulwesens vom Jahre 1952 wurde mit Beginn des Schuljahres 1953/54 an unserer Schule eine zentrale Hilfsschulklasse eingerichtet.

1963 wurden an der Hilfsschule 33 Kinder beschult. Von 1978 an kamen die Kinder dann an die Hilfsschule in Kirchberg bei Zwickau.

Die Nutzung des Schulgebäudes erfolgte danach als SERO-Annahmestelle für Altpapier, Flaschen und dergleichen.

 

            Die ehem. Schulturnhalle. Heute das Bürgerhaus.


Zum Ende der 1980er Jahre stand das Schulgebäude weitestgehend leer. Im nebenan gelegenen Anbau befinden sich noch Wohnräume und die Räume der Gemeindeverwaltung bzw. des Ortschaftsrates.

Erst 1991 gab es wieder Hoffnung für den leerstehenden Schulkomplex.

Der Allgemeinmediziner Dr. Bergert eröffnete in den oberen und unteren Räumen seine Praxis.

Mittlerweile ist eine weitere Ärztin, Frau Dr. Naumann, hinzu gekommen.

Zur Schule gehörte auch eine Turnhalle, die auf dem etwas weiter hinten gelegenen Gelände ihren Standort hat. Dazwischen liegt noch das kleine Haus des Jugendheimes.


Im Zusammenhang mit dem Gelände vor dem Schulgebäude wird immer wieder, wie auf älteren Fotografien zu sehen ist, das Kriegerehrenmal aus dem 1. Weltkrieg in Verbindung gebracht.
Das Ehrenmal ist in den 1960er Jahren auf Veranlassung des Bürgermeisters Röhrdanz bzw. Seidel von seinem Standplatz entfernt worden. Als Kriegerdenkmal, dass mit der Zeit des ersten Weltkrieges in Verbindung gebracht wird, passte es seinerzeit nicht mehr in das sozialistische Weltbild der damaligen Entwicklungsordnung der Klassengesellschaft des Sozialismus. Nach der Entfernung wurde das Ehrenmal zerhackt und in mehrere Teile zerlegt. Ob die Teile als Schutt oder als Rohmataerial für Baumaterialien diente, ist nicht belegt.
Lange Jahre hielt sich sogar das Gerücht, dass Ehrenmal sei entfernt und dann auf dem Arreal des alten Sportplatzes vergraben worden. Aus heutiger Sicht kann dies jedoch getrost in das Reich der Fabeln und Legenden gelegt werden.


Die Turnhalle und der Vorplatz, sowie der alte Sportplatz an der Turnhalle wurden im Jahre 2002 mit Fördermitteln des ALN zu einem multifunktionalen Festplatz umgestaltet. Ein Spiel- und Bolzplatz runden das Ganze auf dem Areal ab.


                     

Spiel- und Bolzplatz am alten Sportplatz